Das System „Gesundes Kinzigtal“– ein „Leuchtturmprojekt“ integrierter Versorgung


LeuchtturmIm südbadischen Kinzigtal wird seit Ende 2005 ein populationsbezogenes integriertes Gesundheitsversorgungssystem erprobt, das unter dem Namen „Gesundes Kinzigtal“ bekannt ist.

Integrierte Versorgungssysteme verfolgen den Anspruch, die Schnittstellenprobleme der traditionellen, in verschiedene Sektoren gegliederten Versorgungspraxis zu überwinden und insgesamt ökonomischer zu wirtschaften. Eine zentrale Rolle spielt dabei die bessere Kooperation von Leistungserbringern über Sektorengrenzen hinweg. Integrierte Versorgungsverträge wurden in den Jahren 2004 bis 2008 gemäß GMG (Modernisierungsgesetz der Gesetzlichen Krankenversicherung) durch eine Anschubfinanzierung aus Mitteln der Regelversorgung finanziell gefördert.

Gefördert werden sollten dabei nicht nur solche Verträge, die sich auf einzelne – d.h. auf eine oder wenige – Indikationen beziehen (indikationsbezogene integrierte Versorgung), sondern gerade auch sog. populationsbezogene integrierte Versorgungssysteme, die prinzipiell für alle – oder fast alle – Indikationen einer definierten Population gelten.

Derartige Systeme werden daher auch integrierte Vollversorgungslösungen genannt. Das System „Gesundes Kinzigtal“ ist eines der wenigen Systeme dieser Art in Deutschland, so dass manche Autoren von einem „Leuchtturmprojekt integrierter Versorgung“ sprechen (vgl. Weatherly et al 2006).

Einzugsgebiet des Versorgungssystems

Im Einzugsgebiet des Versorgungssystems „Gesundes Kinzigtal“ leben insgesamt etwa 70 000 Menschen.

Landkarte EKIV

Etwas mehr als die Hälfte davon – rund 33 000 Personen – sind bei der AOK Baden-Württemberg oder der SVLFG (Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau) als Landwirtschaftlicher Krankenkasse versichert (Stand: Oktober 2015). Die im Kinzigtal wohnenden AOK- und SVLFG-Versicherten haben seit 2006 die Gelegenheit, sich in die Integrierte Versorgung Gesundes Kinzigtal einzuschreiben.

Merkmale des Versorgungssystems

Die Gesundes Kinzigtal GmbH ist ein regionales Versorgungsunternehmen und fungiert als Managementgesellschaft für Integrierte Versorgung nach § 140a SGB V. An der Gesundes Kinzigtal GmbH sind im Wesentlichen zwei Organisationen beteiligt: zum einen das bereits seit vielen Jahren bestehende regionale Ärztenetz MQNK (Medizinisches Qualitätsnetz - Ärzteinitiative Kinzigtal e.V.), zum anderen die in Hamburg ansässige Optimedis AG, die insbesondere Managementwissen und gesundheitsökonomisches Know-How beisteuert.

Die Managementgesellschaft koordiniert im Kinzigtal die Gesundheitsversorgung (bei allen Indikationen mit Ausnahme des zahnmedizinischen Bereichs). Dabei arbeitet die Managementgesellschaft eng mit denjenigen Leistungserbringern aus der Region zusammen, mit denen entsprechende Leistungspartner- oder Kooperationsverträge bestehen. Für die Versorgung der im Kinzigtal wohnenden AOK- und SVLFG-Versicherten übernimmt die Gesundes Kinzigtal GmbH eine Budgetmitverantwortung.

Die finanziellen Ergebnisse des Versorgungsvertrags werden in Form eines Einsparcontractings ermittelt, d.h. die Gesundes Kinzigtal GmbH finanziert sich – nach Auslaufen der Anschubfinanzierung – aus den im Kinzigtal erzielten Einsparungen. Die Referenzgröße, gegenüber der die Einsparungen erzielt werden sollen, sind die normalerweise – d.h. unter Bedingungen der Regelversorgung – zu erwartenden Versorgungskosten aller Kinzigtal-Versicherten (RSA-Normkosten Deutschland-West).

Der finanzielle Erfolgsindikator des integrierten Versorgungssystems ist also – vereinfacht ausgedrückt – das Ausmaß der Einsparungen gegenüber der Regelversorgung.

Einsparungen sollen prinzipiell aus zwei Quellen entstehen, nämlich durch

a) eine bessere Schnittstellenorganisation innerhalb und zwischen den Versorgungssektoren, d.h. eine effizientere Kooperation der Leistungspartner sowohl innerhalb eines Sektors als auch über Sektorengrenzen hinweg (optimierte Behandlungskette) und

b) eine Verringerung der Morbidität vor allem in Bezug auf chronische Krankheiten dank einer gezielten Förderung präventiver Leistungen.

Wegen des hohen Stellenwerts der Prävention – und damit der Reduktion der Krankheitslast vor allem bei chronischen Krankheiten – wurde ein finanzieller Erfolg des Systems erst mittelfristig (auf Sicht von 3-4 Jahren) erwartet. Die Berechnung der finanziellen Ergebnisse für den Zeitraum 1.7.2006 bis 31.12.2008 zeigte jedoch substantielle finanzielle Erträge bereits in dieser Anfangsphase. Diese Entwicklung setzte sich später weiter fort, insbesondere ab 2011. Für das Jahr 2014 - für das die aktuellsten finanziellen Ergebnisse vorliegen (Stand: Juli 2016) - zeigen sich Einsparungen von durchschnittlich 166 € für jeden der ca. 33.000 AOK- und SVLFG-Versicherten im Kinzigtal, relativ zum Stand vor Beginn der Integrierten Versorgung. Dies entspricht einer durchschnittlichen Deckungsbeitragserhöhung pro Versicherten von rund 7 %.